Kulturzentrum Witterswil 1996

Ausstellung von Gisela Wolf im Kulturzentrum Witterswil

Einführung von Dr. Susanne Brugger-Koch

Gisela Wolf stellt Bilder und Objekte aus. Auf den ersten Blick fallen die kräftigen Farben auf und zwei spezielle, abstrakte Formen, die immer wiederkehren. Es ist ein Streifen mit einseitiger Ausbuchtung und als Gegenstück ein Streifen mit Einbuchtung. Diese abstrakten Formen haben einen konkreten Hintergrund. Ein Bildtitel hilft uns weiter. Er heisst "Kuvert mit Inhalt". Die Inspirationsquelle ist effektiv ein Briefumschlag mit Deckel und Öffnung in dieser Form. Nun ist es einerseits verblüffend, wie die Künstlerin damit aus einem alltäglichen Gebrauchsgegenstand eine höchst interessante Form gewonnen hat, die sie dann in den Bildern in immer neuen Zusammenhängen erprobt. Andererseits ist es nicht zufällig, dass sie sich gerade mit diesem Gegenstand auseinander setzt. Ein Kuvert ist ein Botschaftsträger, eine Hülle für einen Brief, eine Mitteilung, wichtig für Sender und Empfänger. Die Botschaft ist im Botschaftsträger geborgen und selbst nicht unmittelbar sichtbar. Der Botschaftsträger demonstriert den Willen zur Kommunikation, die Suche nach einer Verbindung zwischen Sender und Empfänger. Aber auch Überlegungen zum Verhältnis zwischen Hülle und Inhalt, zwischen Aussen und Innen kommen dazu.

Die abstrakte Form macht sich für den Betrachter schnell selbständig, und man kann von Bild zu Bild die Varianten mit Spannung verfolgen. Die Farbe als Emotionsträger kommt als zweites Element dazu. Sie hat oft Signalwirkung. Jeder Betrachter, jede Betrachterin wird eigene Schwerpunkte setzen.

Speziell hinweisen möchte ich Sie auf die Reihe von Bildern, in denen Gisela Wolf sich auf die Farben Rot-Weiss-Schwarz konzentriert. Es ist spannend, gerade in der Konzentration auf wenige starke Farbkontraste, wie sich Gisela Wolf immer wieder neu mit ihren Bildelementen auseinandersetzt.

Achten Sie auch darauf, wie sie den Malgrund behandelt. Sie verwendet oft Collagen, die den Bildgrund faltig und reizvoll bewegt gestalten.

Gisela Wolf erwähnt auf der Einladungskarte zur Ausstellung, dass sie zu neuen Seherfahrungen anregen möchte. Dieses Anliegen realisiert sie in den Grossformaten auf besondere Art. Ihre Signatur befindet sich mit Absicht nicht auf der Vorderseite, sondern auf der Rückseite der Bilder. Der Grund dafür ist: Das Experimentieren mit der Hängung ist erwünscht! Sie schreibt nicht vor, wie die Bilder zu hängen sind - sie hat sie schon während des Malens mehrmals gedreht. Je nach Stimmung können Sie also die Bilder drehen und damit neue Seherfahrungen machen, erleben, wie die Bilder neu auf Sie wirken!

Von Gisela Wolf sehen Sie in der Ausstellung auch Objekte. Ihr Thema ist fast durchwegs das Buch. Gisela Wolf ist ja nicht nur Malerin, sondern auch Schriftstellerin, und sie hat ein spezielles Verhältnis zu Büchern.

Ein Buch ist wie ein Briefumschlag, stärker noch sogar, ein Botschaftsträger. Da liegt ein innerer Zusammenhang zwischen den Bildern und den Objekten. Alte Bücher kann Gisela Wolf nicht fortwerfen. In alten Büchern steckt eine Summe von Erfahrungen und Informationen, die sie nicht verlieren möchte. Sie will diesen Büchern mit der Verwandlung in ein Objekt zu einem zweiten Leben verhelfen. Spuren des ersten Lebens sind zuweilen noch sichtbar, Musiknoten und Buchstaben sind zu entdecken.

Sie haben Gelegenheit, Gisela Wolf als Schriftstellerin zu erleben. Hier in der Ausstellung findet eine Lesung statt am nächsten Freitag, 15. März, um 20 Uhr. Ich empfehle Ihnen den Besuch!

 

Aus der Vernissagen-Ansprache von Dr. Susanne Brugger-Koch, März 1996.


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